… können wir, eingehüllt in eine dicke Abgaswolke, dutzende Male auf unserer Fahrt von Lahore nach Islamabad auf Werbetafeln lesen, wenn wir nicht gerade unsere vor Qualm tränenden Augen vor einer der Staubböen verschließen müssen, die uns der heiße Wind ins Gesicht jagt. Aber die erbarmungslose Sonne hat den Spruch ohnehin schon erfolgreich in unsere ausgedörrten Gehirne gebrannt. Gut, dass ich einen Schleier trage – sonst würde mein überhitzter Kopf wegen des mörderischen Verkehrs vielleicht denken, noch in Indien zu sein.
Ist mit “Pakistan – The Beautiful” die landschaftliche Schönheit gemeint, so finden wir diese auf dem erfreulich verkehrsfreien Karakorum-Highway schließlich doch: Die Hitze bleibt zwar dafür, dass wir bald auf über 2000 Höhenmetern radeln, erstaunlich groß, aber das wüstenhaft trockene Hochplateau, das von zahlreichen, teils über 8000 Meter hohen Bergen umrahmt ist, ist faszinierend. Wir lernen auch viele freundliche und hilfsbereite Menschen kennen, die uns Schlafplätze, Essen und sogar Geld anbieten. Weil die meisten Leute etwas Englisch sprechen, ist es auch einfacher als in anderen Ländern für uns, mit den Einheimischen zu kommunizieren.
Leider bleibt es aber nicht nur bei positiven Begegnungen: Speziell das Gebiet Indus Kohistan hat nicht zu Unrecht einen schlechten Ruf. Schon von Vietnam, Tibet und Nepal kennen wir Kinder, die uns aus Langeweile oder Wut, kein Geschenk zu erhalten, mit Steinen bewerfen. Normalerweise drehen wir schon beim ersten Stein, der in unsere Richtung segelt, um – egal ob Treffer oder nicht – und jagen den voller Angst davonlaufenden Bengeln nach. In Indus Kohistan aber kriegen wir so viele Steine ab, dass Umdrehen reine Kraftverschwendung wäre. Selbst wenn wir stoppen und von Erwachsenen umringt sind, fliegen noch mit erstaunlicher Treffsicherheit Steine auf uns. Nicht nur Kindern dienen wir als Zielscheibe, auch zahlreiche Erwachsene finden Spass daran, uns mit leeren Tetrapaks, Plastikflaschen und sonstigem Müll von überholenden Autos aus zu beschießen. Straßenarbeiter haben ihre Freude daran, uns mit Stöcken oder Schaufeln nachzujagen, …
Am unangenehmsten empfinden wir aber die sexuellen Probleme, die viele Männer hier überkommen, wenn sie eine westliche Frau sehen, und das, obwohl ich genauso verhüllt bin wie die einheimischen Frauen, mit Schleier und Salwar Kameez. Ich verliere völlig mein Vertrauen in die Männer hier und das in einem Land, in dem wir teils weniger als fünf Frauen pro Tag begegnen.
Somit verspüren wir trotz einiger wirklich schöner Erlebnisse keine Wehmut, “Pakistan – The Beautiful” zu verlassen. Wenn wir nun zum schon fünften und letzten Mal auf dieser Reise die chinesische Grenze überqueren, freuen wir uns nicht wie sonst am meisten auf das leckere Essen: ich kann es kaum erwarten, nicht mehr die einzige Frau auf der Strasse zu sein, wieder mit Männern reden zu können, ihnen in die Augen zu sehen und ihnen die Hand zu schütteln, ohne Angst vor Konsequenzen – und sogar im Restaurant im selben Teil wie die Männer sitzen zu dürfen …
