Feucht glänzt der lila Stempel im Pass. “I have Motorriksha”, “Taxi”, “Transport”, “Where are you from, Sir, you need smoke?”, “Hello Sir, very cheap Riksha for you”, “Excuse me, hash?”,…
“Immigration Indien 15.02.08″, ist nun in unserem Pass vermerkt. Visagültigkeit: sechs Monate. Umringt von Neugierigen - “Give me one flower, please!”, “Whats your name?” - verstauen wir die Reisepässe. Für wie lange wohl, fragen wir uns?
Wir haben einige Reisende getroffen, die uns von Indien erzählt haben: vom guten Essen, von Plätzen, die verzaubern mit ihrem Flair, an denen man sich fühlt wie in längst ergangenen Zeiten,… Vor allem aber handeln die Erzählungen von dem Schock, den Indien selbst hartgesottenen Langzeitreisenden bereitet hat: von den unglaublichen Menschenmassen in dem zweitbevölkerungsreichsten Land der Erde, von stinkenden Müllbergen, die das Land zu verschlucken scheinen, vom hoffnungslosen Verkehrschaos, dem ohrenbetäubenden Lärm, der stickigen, verschmutzten Luft, den verkrüppelten Bettlern, die auf der Strasse liegen, verzweifelt um Essen flehenden Müttern mit halbverhungerten Babies im Arm, lästigen Straßenverkäufern, Rikschafahrern, Hotelwerbern, usw., die einen auf Schritt und Tritt verfolgen, der schamlosen Neugierde und dem nervenaufreibenden Anstarren der Inder Touristen gegenüber…
Diese Schilderungen klingen nicht gerade nach einem einfachen Reiseland. Trotzdem schwingen wir uns erneut in den Sattel, denn wir reisen schließlich nicht nur, um Schönes zu sehen.
Und schon nach wenigen Tagen in Indien gibt es viel zu erzählen. Zum Beispiel von den Wettrennen mit zahlreichen ehrgeizigen Radfahrern auf indischen Eigangrädern über die wirklich unglaublich flache, grüne Gangesebene.
Über den Verkehr in indischen Großstädten, dessen Beschreibung sich aber wirklich einen eigenen Artikel verdient hat.
Über unsere Idee, uns in Benares ein Hotelzimmer zu gönnen. Auf der bisherigen Reise haben wir ja erst zwei Mal Geld für einen solchen Luxus ausgegeben, aber bei einem Preis von umgerechnet 1.2 Euro fürs Doppelzimmer können wir fast nicht ablehnen. Hohe Ansprüche haben wir eigentlich nicht, das Wort “gönnen” erscheint uns, nachdem wir das kleine, dunkle Kämmerchen bezogen haben, trotzdem falsch. Gegen soviel Getier hatten wir uns auf der bisherigen Reise in keinem Dschungel zu verteidigen. Wir hätten zuvor nie geahnt, das man richtige Abenteuer zu solch günstigem Preis haben kann, inklusive heißer Dusche!
Richtig beeindruckend finden wir auch Benares (Varanasi) selbst: Diese uralte indische Stadt ist einer der heiligsten Plätze für Hindus. Der Fluss Ganges, an dem sie liegt, ist der Fluss der Erlösung. Hier zu sterben bedeutet für Hindus, “moksha” zu erlangen - von dem Kreislauf zu sterben und wiedergeboren zu werden, erlöst zu sein. Die Toten werden danach einer letzten Waschung im Ganges am Ufer verbrannt, die Asche in den Fluss gestreut.
Auch zigtausende jüngere Hindus pilgern täglich nach Benares um sich reinzuwaschen von ihren Sünden - im Ganges, einem der am schlimmsten verschmutzten Flüsse der Welt. Die Leute trinken im Gebet versunken ehrfürchtig von einem Wasser, in dem soviel Unrat, Gift und Fäkalien enthalten sind, das selbst baden darin gesundheitsgefährdend ist.
Wir sind fasziniert von dem Flair, den fremdartigen Ritualen und den Pilgermassen, denen wir begegnen, aber gleichzeitig schockiert, dass dieses schmutzige, stinkende Wasser heilig sein soll. Ein Inder erklärt mir stolz, die Mutter Ganges, wie die verdreckte Brühe auch genannt wird, ist das Symbol für Hoffnung für vergangene, gegenwärtige und zukünftige Generationen…
Unser erster Eindruck von Indien: Interessant! Ob wir das land lieben oder hassen wird sich aber erst herausstellen. Gleichgültig oder unbeeindruckt lässt es uns aber definitiv nicht.
