Frierend drücken wir uns gegen den massiven Holzpfosten auf der Passhöhe. Ein paar Kekse noch, bevor es runter geht vom “Dach der Welt”.
Selten zuvor haben wir uns so hoch oben gefühlt wie heute. Und obwohl wir uns nach Monaten in Tibet längst an die dünne Luft auf über 5000 Metern gewöhnt haben, ist dieser letzte Pass über den Himalaja schlichtweg atemberaubend. Umringt von den mächtigsten Schneeriesen der Welt kauern wir dicht nebeneinander auf der kargen Passhöhe. Um uns tausende bunte Gebetsfahnen, ohrenbetäubend flatternd im Sturm. Unser einziger Schutz gegen die eisigen Windböen, die uns selbst beim Stehenbleiben fast umwehen, ist der glücklicherweise gut verankerte Pfosten, an dem die gelben, blauen, grünen, weißen und roten Tücher befestigt sind.
Wir fühlen uns richtig winzig in dieser imposanten Umgebung, ein wenig schutzlos und doch glücklich, diese unglaubliche Schönheit hier erleben zu dürfen. Es ist ein gutes Gefühl, aus eigener Kraft die unzähligen Höhenmeter und Pässe der vergangenen Monate überwunden zu haben.
Der Rest der Strecke bis Kathmandu, der Hauptstadt Nepals, ist nun einfach, denn die nächsten 150 Kilometer geht es fast ausschließlich bergab. Nach den oft circa 50 Kilometer langen Bergaufstücken der letzten Wochen im Schneckentempo ist dieser Streckenabschnitt ein Highlight der Reise. Aber nicht, weil es müheloser ist, bergab zu rollen (wir scheuen keine Schwierigkeiten, denn viele der anstrengendsten Teilstücke der Reise waren gleichzeitig die Schönsten). Sondern weil wir durch die höhere Fahrtgeschwindigkeit, den starken Verlust an Höhe und den gleichzeitigen Grenzübertritt ein auf unserer Radreise sehr seltenes Phänomen erleben: eine fast schlagartige Veränderung von Land und Leuten.
Eben noch frieren wir im eisigen Sturm zwischen all den mächtigen Schneeriesen und schon sonnen wir uns zwischen Bananenpflanzen im nahezu tropischen Dschungel, umgeben von neugierigen Affen und bunten Papageien.
Nach dem kargen Hochgebirge sind wir überwältigt von den vielen Farben, Gerüchen und dem regen Treiben, das uns hier in Nepal empfängt. Die unzähligen neuen Eindrücke, die so plötzlich von allen Seiten auf uns einwirken, faszinieren und erstaunen uns trotz unserer schon langen Reise.
Nepal erweckt eine neue Reiselust in uns und schenkt uns schließlich in Kathmandu sogar zwei neue Brüder: John und Raj, die uns ein Zuhause weg von Zuhause geben.
