Polizeierfahrungen

Dienstag, 8. Januar 2008 @ 20:14 von Birgit | Kathmandu, Nepal
Inhaltsverzeichnis

Wie bereits im Länderartikel erwähnt, ist es ja für Individualreisende nicht möglich, Tibet legal zu bereisen. Dazu müsste man sich einer Tourengruppe anschließen, was nicht nur kostspielig ist, sondern für uns auch eine Freiheitseinschränkung bedeuten würde. Da wir Tibet trotzdem beradeln wollen, radeln wir einfach ohne die notwendigen Permits (Genehmigungen).

Gerade für Radfahrer ist dies einfacher als es sich anhört, denn um von China aus nach Tibet zu gelangen, braucht man keine bewachte Grenzlinie zu passieren und im Land werden die Permits normalerweise nur an speziellen Kontrollposten entlang der Strasse oder bei Hotelaufenthalten kontrolliert. Wer also zeltet und solche Kontrollposten mitten in der Nacht, wo die Polizisten meist eingeschlafen sind, passiert, hat gute Chancen, nicht erwischt zu werden.

Speziell über die Hauptrouten des Landes gibt es dank anderer Reisender ausreichend Infos über Checkpunkte und “gefährliche” Städte. Das einzige Problem: die Situation ändert sich relativ oft. Wo der eine problemlos am Tag durchkommt, wird der andere geschnappt. - Und wie es scheint, gehören wir zu den anderen…

Polizeierfahrungen in Tibet, die Ersten

Kongpo Gyamda, wo unser erster Eintrag ins Strafregister auf uns wartet, ist eine kleine Stadt circa 300 Kilometer vor Lhasa. Sie liegt abseits der Hauptstraße und es bestünde somit keine Notwendigkeit hineinzufahren, aber weil einige Polizei-Jeeps auf der Hauptstraße parken und die Stadt den Ruf hat, absolut “ungefährlich” zu sein, geben wir Martins Überlebensinstinkt (soviel Fressen, das man nicht gefressen werden kann), der zahlreiche Geschäfte ortet, nach.

Uns bleibt gar keine Zeit, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir nun all das Gekaufte in unseren Taschen verstauen, denn obwohl wir zur Sicherheit hinter parkenden Autos versteckt sind, steuert ein nagelneuer Polizei-Jeep - wohl Dank eines Informanten - auf uns zu.

Ein Sprung auf die Räder und nix wie weg. Chinesen (nur wenige Tibeter sind Polizisten) sind unserer Erfahrung nach ja alle schlechte Autofahrer und bis der Jeep gewendet hat, schaffen wirs vielleicht bis zur schmalen Brücke aus der Stadt, über die der Jeep nicht kann.

Wir winken den wütend gestikulierenden Bullen, die kein Wort Englisch können, noch freundlich zu, doch leider haben wir uns zu früh gefreut, denn in einem klapprigen, verbeulten Kleinbus, vollgestopft mit Uniformierten, nehmen sie die Verfolgung auf. Der verbeulte Zustand der Kiste hat wohl weniger mit dem Alter des Autos zu tun, als mit dem hollywoodartigen Fahrstil des Fahrers (ist ein Tibeter, kein Chinese, damit konnten wir nicht rechnen). Die Brücke würde kein Problem für das schmale Fahrzeug darstellen, aber wir werden ohnehin vorher eingeholt und nur weil wir ebenfalls aus diversen Hollywoodfilmen gelernt haben, nicht von der Strasse gedrängt.

Es gibt also kein Entrinnen für uns. Nachdem man uns die Reisepässe abnimmt, heißts erstmal mitkommen und unwissend tun. Nicht mal die Ausrede, nur spärliche Englischkenntnisse zu besitzen, würde uns helfen, denn nach fünf Minuten haben wir - wir könnens kaum glauben - eine deutsche Dolmetscherin (in circa einem Jahr in China haben wir nur dreimal jemanden getroffen, der Deutsch konnte - warum also ausgerechnet in dieser tibetischen Stadt, die eigentlich eher die Bezeichnung Dorf verdient hätte und für Touristen normal nicht zugänglich ist, damit rechnen?!?)

Was nun folgt, sind stundenlange Diskussionen mit einem recht nachtragenden Bullen, der an der rasanten Autofahrt scheinbar keinen Wohlgefallen gefunden hat. Er will 500 RMB (das sind ca. 50 Euro) pro Kopf und die Filme bzw. Kamera, denn in diesem Militärgebiet dürfe man nicht fotografieren. Es werden zähe Verhandlungen, denn wir behaupten, insgesamt nicht mehr als 20 Euro zu besitzen. Nach telefonischer Diskussion mit dem Polizeichef ist klar, dass sie uns nicht mit so einer niedrigen Strafzahlung gehen lassen wollen. So wollen sie unser Zeug beschlagnahmen, wir bestehen aber stattdessen darauf, ins Gefängnis zu gehen (wäre nur eine Woche und unser Visum geht ja bis Februar…). Denn die Strafe für Zahlungsunfähige ist laut dem Gesetzbuch, das wir uns vorlegen lassen, Gefängnis und nicht Beschlagnahmung.

Die Verhandlungen ziehen sich den ganzen Nachmittag dahin. Die arme junge Dolmetscherin, die schon ziemlich eingeschüchtert von den Streitigkeiten ist, will schließlich sogar 20 Euro beisteueren, was wir aber ablehnen (man hat die Strafe schon auf 30 Euro pro Person herabgesetzt).

Irgendwann geben die Bullen schließlich auf: 10 Euro pro Person plus 24 Fingerabdrücke, an die Kamera denken sie aus Erleichterung, den Fall endlich abschließen zu können, schon längst nicht mehr. Laut den Polizisten ist dies die niedrigste je verhängte Geldstrafe hier.

Irgendwie fühlen wir uns ja schlecht: das neue elektrische Tor bei der Einfahrt, das heute errichtet wird, muss Unmengen an Geld kosten und die gruseligen sanitären Anlagen bedürften dringend einer Sanierung - und wir bezahlen für eine Hollywoodverfolgung, zwei verhandelnde Polizisten vor Ort, dem Polizeichef am Telefon und einer Dolmetscherin für circa sechs Stunden nur 10 Euro pro Person.

Polizeierfahrungen in Tibet, die Zweiten

Der Friendshiphighway, der von der tibetischen Hauptstadt Lhasa nach Kathmandu (Nepal) führt, ist - wohl weil man für diese Strecke recht einfach die notwendigen Permits bekommt - die touristischte Strasse Tibets. Asphaltierter Strassenbelag, auf Touristen wartende, bettelnde Kinder, Jeepverkehr, chinesische Städte, … sind aber nicht gerade das, was wir uns von einer Tibetreise erwarten. Somit verlassen wir den Friendshiphighway in Gyantse und radeln Richtung Süden.

Dass die Fahrt entlang der empfindlichen Grenzen zu Butan und Indien und auch zu Nepal nicht einfach wird, ist uns klar, denn wir kennen niemanden, der dort schon ohne Permits geradelt ist und haben somit keine Idee, wo die Kontrollposten sind. Fest steht, dass hier wohl wegen der Grenznähe strikter kontrolliert wird und neben der Polizei nun auch das Militär, das sich in anderen Gebieten Tibets nicht um Ausländer kümmert, zu unserem “Feind” wird.

Unser Plan ist, soviel wie möglich auf den in der Karte strichliert eingezeichneten Wegen (für Pferdekarren) zu radeln. Vollbepackt mit Lebensmitteln werden wir alle in der Karte eingezeichneten Städte meiden beziehungsweise in der Nacht durchfahren.

Unser Plan wird schon circa 26 Kilometer südlich von Gyantse durchkreuzt: In der Siedlung Sapugang nämlich, in der wir die Hauptstraße verlassen wollen, gibts schon kein Weiterkommen mehr.

Mit einem Kontrollposten in so einem kleinen Dorf hätten wir wirklich nicht gerechnet und schon gar nicht mit so einem gefinkelten. Über die ganze Strassen breite verläuft ein Seil - illegales passieren ist also selbst für einspurige Fahrzeuge unmöglich. Wenigstens deuten uns die Polizisten einfach nur umzukehren und machen keine weiteren Probleme. Während wir gemächlich umkehren, inspizieren wir den Acker neben dem Kontrollposten. Teils überflutet, wie so viele Äcker hier und mit vielen Bewässerungskanäle durchsetzt, würden wir ganz schön ins Schwitzen geraten, wenn wir die Räder darüberhieven müssten, aber es wäre wohl möglich, wenn der Posten nicht zu wachsam ist. Wegen dem Fluss würde die Distanz zum Postenhäuschen teils weniger als 100 Meter sein. Also ein paar Kilometer zurück und dort den Tag verbracht und nach ein paar Stunden Schlaf um circa drei Uhr morgens los (mit reichlich Zeit, wird erst circa um acht Uhr hell). Heftiger, eisiger Gegenwind erwartet uns - schön! So wittern uns hoffentlich wenigstens die Hunde, die es dort wohl gibt, erst später. Der Mond, der abends noch geleuchtet hat, ist auch weg - im Stockdunklen sieht man uns nicht. Wir aber natürlich auch nicht viel, so stolpern wir mehr über die Äcker als wir schieben und krachen einige Male in die mit einer viel zu dünnen Eisschicht überzogenen Bewässerungskanäle.

Genau auf Höhe des Kontrollpostens stürzt plötzlich die schon befürchtete Hundemeute auf uns los. Die knurrenden, bellenden Köter halten zwar etwas Abstand, aber lange dauerts wohl nicht bis der Posten nach dem Grund für den Radau schaut. Also schnellstens Rückzug - die ganze Plagerei umsonst! Gerade als wir uns in Sicherheit wähnen, kommt ein Auto. Im Straßengraben beobachten wir, wie es zum hell erleuchteten Posten fährt, langsamer wird und … einfach durchfährt! Kein Polizist also, der wie am Abend noch die Papiere eines jeden Fahrzeugs kontrolliert und vor allem kein Seil! - Und wir Idioten quälen uns stundenlang umsonst mit unseren schweren “Lasteneseln” über den Acker anstatt einfach am Posten vorbeizurollen! Nicht mal die Hunde scheren sich jetzt um uns, und das im Stockdunklen fast unlösbare Labyrinth durch die schmalen (Sack)gassen des nächsten Dorfes auf der Suche nach dem “Pferdewagenweg” wäre uns auch erspart geblieben, hätten wir uns noch ein paar Mal im warmen Schlafsack umgedreht und wären später auf die einfachste Weise durch…

Polizeierfahrungen in Tibet, die Dritten

Zwei bis drei Pferdewagen pro Tag, sonst absolut menschenleere, wunderschöne Natur mit vielen nicht gerade scheuen Wildtieren, Blick auf mächtige 7.000er,… - also perfekte Radreisebedingungen!

Viel zu kurz erscheint uns dieser Traum, denn das Weglein, das in unserer Karte nur als strichlierte Linie dargestellt ist, endet schon bald an einer Nebenstraße. - Nebenstraßen wären ja speziell in einer Gegend wie dieser, in der Autos noch nicht erfunden zu sein scheinen ja auch nett, wenn nicht die Gefahr bestünde, dass uns jemand bei der Polizei verpetzt. Denn ein Handy besitzt selbst hier so gut wie jeder und Dörfer gibt es an solchen Nebenstraßen ja einige.

Vom letzten Pass unseres “Traumpfades” haben wir schon guten Überblick über die Nebenstraße, die uns nun erwartet: ein breites, kahles, baumloses Tal - so flach, das man selbst von vielen Kilometern Entfernung sogar Regenwürmer überwachen könnte, würden sie Gefallen an dem sandigen, braunen Boden finden. Begrenzt ist das Tal von mächtigen, leuchtend weißen Bergriesen, die gleichzeitig auch die Landesgrenzen bilden.

Die einzigen Farbtupfen im kargen Braun des Tales sind die kleinen Siedlungen, die durch das Fernglas harmlos tibetisch aussehen. Keine Chinaflaggen oder hässliche chinesische Betonklötze, also riskieren wir es, in einem der Dörfer zu stoppen, um Tsampa (geriebenes und geröstetes Gerstenmehl) fürs Frühstück bei den Dorfbewohnern zu erstehen. Die Leute vom Dorf sind im Nu um uns versammelt und alle sehr nett - gleich mehrere wollen uns zu sich einladen. So halten wir auch noch mal an, als uns bei der Weiterfahrt ein Mann nachruft und nachläuft.

Er stellt sich zu unserer Überraschung als Dorfpolizist in Zivilkleidung (gut getarnt :smile:) heraus - kaum zu glauben, dass eine Siedlung, die nicht einmal ein Geschäft aufweist, einen Polizisten hat! Allerdings einen Polizisten ohne Fahrzeug, wie es scheint. Diese Chance lassen wir uns nicht entgehen und ergreifen die Flucht. Der kleine Mann hält sich noch an Martins Lenker fest, sein verzweifelter Blick tut uns ja fast leid. Aber da wir keine Lust haben, zum wahrscheinlich “größten Fall seines Lebens” zu werden, verstecken wir uns schleunigst ein paar Kilometer nach dem Ort in einer der vielen kleinen Felsnischen am Talrand. - Gut, denn so schnell gibt der pflichtbewusste Kerl nicht auf.

Bald jagt er mit einer Pferdekutsche durchs Tal. Kreuz und quer hetzt er das arme Tier mit Geschrei und Peitsche im Galopp durch die Gegend bis es dunkel wird. Wir wähnen uns nun in Sicherheit, bauen das Zelt auf und beschließen, eine neuerliche Nachtfahrt einzulegen - ist ja keine Seltenheit in letzter Zeit. Besser erst gegen zwei Uhr morgens zu starten, denn es ist anzunehmen, dass der Dorfpolizist seine Kollegen informiert hat und diese uns eventuell zu solch früher Stunden wie jetzt noch suchen.

Dieser Verdacht bestätigt sich uns auch sogleich, denn gerade als das Zelt steht, nähert sich das erste Auto, das wir in diesem Tal erblicken - mit Blaulicht. Zielsicher steuert es auf uns zu. Leider verraten uns die fünf Militärpolizisten nicht, wie sie uns sofort finden konnten. Der Dorfbulle ist übrigens auch dabei - richtig herausgeputzt nun.

Wir erwarten uns eine saftige Strafe und auch, dass wir unsere Räder auf einen Jeep verladen müssen um aus dem Grenzgebiet zu gelangen. Doch die Armeepolizisten glauben uns scheinbar die nicht gerade einfallsreiche Geschichte, uns total verfahren zu haben und es bleibt bei einer Aufnahme der Daten (inklusive Fotos) für die Akten. Zu unserem völligen Erstaunen bekommen wir von den Polizisten am Ende nicht nur einen Schlafplatz in einem Dorfhaus, Essen und Trinken sondern sogar Geld für die Weiterfahrt angeboten!

Keine Strafe also - nur die Bedingung auf dem selben Weg zurückzufahren und uns bei der Polizei in Shigatze zu melden (was wir vermeiden werden :biggrin:)

Trotzdem fluchen wir am nächsten Morgen, denn eine kleine Strafe gibts doch: unter den Augen des Dorfpolizisten heißts zurück über den fast 5.000 Meter hohen Pass mit einer durchschnittlichen Steigung von circa 20 Prozent.

Dieser Beitrag wurde vor 2 Jahren 6 Monaten 3 Wochen 2 Tagen - am Dienstag, 8.1.2008 um 20:14 - von Birgit erstellt und kann in folgenden Kategorien gefunden werden: Tagebuch. Du kannst die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 verfolgen. Weiter unten kannst du uns einen Kommentar hinterlassen oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.

2 Kommentare »

  1. Hej ihr beiden,
    ich verfolge eure berichte schon 1 1\2 jahre.
    Und dieser hier ist mit der mich wieder einmal so richtig gepackt. Oh man

    Lebe deinen Traum

    Gruß thomas

    Kommentar von Thomas — 9.1.2008 @ 16:32
  2. Namaste ihr Zwei,

    jetzt war ich grad im Wunderland eurer Reise und hab völlig vergessen, dass ich ja selbst auf einer Reise bin. Dieser Bericht hat es echt in sich. Ich bin total begeistert von eurem Abenteuer. Ich frage mich wo ihr gerade sein möget. Falls ihr auf dem Weg nach Pakistan seid, dann könntet ihr ja mal bei mir vorbeischaun. Bin zirka 90 km von der Pakistanischen Grenze in Himachal Pradesh. Richtung Pathankot.

    Aber ja - wo und was auch immer ihr gerade erlebt - ich wünsche euch noch viele schöne und herzliche Eindrücke von der Welt.

    Wir haben und auf der österreichischen Botschaft in Delhi getroffen. Hoffentlich hat das mit dem Pakistanvisum geklappt.
    Ich bin ja dann nach Kathmandu, um mir ein neues Visum für Indien zu besorgen. War auch ein Abenteuer und ich wurde sogar mit der Polizei durch ganz Kathmandu chauffiert. Es gab da ein Missverständnis zwischen den Ordnungshütern und uns (ich und mein Freund), das wir dann am Revier mittels eines Dolmetschers schnell geklärt hatten…..

    Als dann….Gute Fahrt
    Michi

    Kommentar von Michael Kobler — 11.4.2008 @ 15:58

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