Riesige Grasplateaus, durchzogen von reißenden eisblauen Gletscherflüssen, darüber mächtige, strahlend weiße Schneegipfel, die in den blauen Himmel ragen. Weiter unten duftende Nadelwälder mit Lichtungen voller bunter Gebetsfahnen, die im kühlen Wind flattern. In der Luft ein riesiger Adler, der lautlos seine Kreise zieht, während zwei Füchse, deren buschiges Fell golden in der Sonne leuchtet, geduldig vor dem Bau eines Nagers ausharren. Aus der Ferne vernimmt man die tiefen Töne von Holzglocken. Eine zottelige Yakherde weidet dort, unweit des nur aus dünner Wolle gefertigten, schwarzen Nomadenzeltes.
Auf dem kleinen,steinigen Fußpfad, der steil über die unzähligen Paese führt, ein Reiter mit bunt mit Bändern geschmückten Pferden, die Hab und Gut in alten selbstgefertigten Ledersäcken transportieren. Freundliche Augen leuchten einem aus dem von unzähligen Falten geprägten, sonnenverbrannten Gesicht entgegen. Ein strahlendes fast zahnloses Lächeln. Trotz seines einfachen Mantels aus Schaffell ist der Mann reich geschmückt. Dicke, detailreiche Silberketten mit zahlreichen bunten Steinen zieren Arme und Hals.
Schaut man genau, kann man kurz vor dem Pass zwei rote Punkte erkennen, die sich nur langsam bewegen. - Pilger mit Lederschürzen und “Holzschuhen” an den Händen. Unvorstellbar mühsam scheint deren lange Reise, doch die Glücklichkeit, die die beiden Gläubigen ausstrahlen, ist einfach überwältigend. Zwei Schritte - also eine Körperlänge - nach vor, beten und zu Boden gehen, bis die Stirn den Boden berührt, dann wieder zwei Schritte gehen, beten und erneut niederwerfen,… Dicke Narben auf der Stirn lassen erkennen, dass sie schon Monate unterwegs sind. Mit Betgesängen auf den Lippen ziehen sie weiter, um irgendwann den heiligsten ihrer Tempel zu erreichen…
Dieses oben beschriebene “vergessene”, von der Aussenwelt völlig isolierte Land, in dem die Zeit stillgestanden zu sein scheint, ist Tibet - ein “Traumziel” vieler Reisenden. Schon der Name ruft bei den meisten - Hollywood sei Dank -ähnliche Assoziationen hervor.
Doch selbst die mächtigsten Bergriesen der Welt, die das Land einnehmen, haben es nicht vor Eindringlingen schützen können. Mit einem überlegenen Nachbarn wie China ist Tibet somit nun nicht nur auf der Landkarte ein Teil Chinas, sondern leidet auch immer mehr an einer wirtschaftlichen und kulturellen Invasion. Mit dem Bau von Strassen, Eisenbahn und Flughäfen sprießen hässliche “sinotibetische” Reihenhaussiedlungen mit knalligfarbenen Wellblechdächern aus der Erde, wie die Pilze aus dem Kuhdung.
Chinesische Familien werden in großen Zahlen angesiedelt, Geschäftsleute bringen moderne Güter wie zum Beispiel Elektronikartikel,…
Fast jeder tibetische Nomade hat heutzutage ein Handy. Solarzellen sieht man auf jedem der einfachen Wollzelte, oft steht auch ein Moped beim Eingang. Internet und Karaokebars gibts selbst in kleinen Dörfern. In grösseren Orten könnte man glauben, in China zu sein.
Nicht nur, weil die Kolonisten schon allein zahlenmäßig die dominierenden Einwohner sind. Moderne Geschäfte umgeben die Strassen, überall chinesische Schriftzeichen, Konsumgüter soweit das Auge reicht. Zwischen reichen Jeeptouristen, den Siedlern und jungen “westlich” orientierten Tibetern, die sich nur noch auf chinesisch unterhalten und sich sogar chinesische Namen geben, um bessere Chancen im Business zu haben, gibt es aber immer noch die buntgeschmückten Nomaden in ihren traditionellen Gewändern, die gläubigen Pilger, die zwischen Autokolonnen und über Bordsteinkanten ihre Niederwerfungen machen,… - Speziell Lhasa, heute eine moderne chinesische Stadt, ist dafür ein gutes Beispiel.
Wer also im Glauben an den Hollywood-Mythos, an “Shangrila“, Tibet besucht, wird enttäuscht sein, reist er nicht abseits der befestigten Strassen und Wege, wo dieser vielleicht noch existiert. Befasst man sich jedoch mit der jüngeren Geschichte des Landes, dem Leiden unter der politischen Kontrolle, ist man definitiv beeindruckt, wieviel Tibet man selbst in den Stadtgebieten noch findet. Bleibt nur zu hoffen, dass die kommenden Jahre hier schlechte Saisonen für die Pilzernte sind und die Tibeter es schaffen können, ihre Traditionen zu bewahren.

Hoi z’sämme!
Wieder einmal bin ich sehr beeindruckt von euren Reiseberichten. Tibet ist sicher trotz und vielleicht auch wegen der Kulturinvasion von den lieben chinesischen Nachbarn sehr interessant.
Leider konnte ich das letzte mal nicht skypen, als ihr geschrieben habt. Momentan nimmt mich die Arbeit ziemlich mit
LG von
Kommentar von Jörg M. — 3.11.2007 @ 9:20Jörg und Lisi