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Einen Bericht über China zu schreiben ist schwierig. So unterschiedlich wie die Landschaftsformen und Klimazonen Chinas (siehe Länderartikel China) sind auch die Menschen, ihr Verhalten und ihre Lebensgewohnheiten.
Mal lieben wir das Land, dann wiederum nervt es, mal bewundern wir Schönes, im nächsten Augenblick sehen wir Schockierendes, … Gerade dies ist wohl der Grund, warum uns China nun doch “ans Herz gewachsen ist”. Es steckt voller Überraschungen. Wenn man sich Zeit nimmt zum Beobachten, kommt unmöglich Langeweile auf.
Bei den vielen Eindrücken würde ein Bericht zu viele Seiten umfassen um in die Kategorie Tagebuch eingeordnet werden zu können. Deswegen im Folgenden nur ein paar kurze Anekdoten aus unserem Chinaalltag:
Verständigung (Birgit)
Was tun, wenn einen der Ausländer nicht versteht? - Langsamer sprechen, andere Worte verwenden, Zeichensprache, etwas aufzeichnen, …?
Falsch! Chinesen reden einfach lauter. Versteht man immer noch nicht, brüllen sie einem ins Ohr. Erst wenn man sich zum Schutz die Ohren zuhält, begreifen sie, man ist nicht taub, man versteht, wie man zuvor ja schon hundert Mal beteuert hat, t a t s ä c h l i c h nicht Chinesisch.
Kein Problem, wofür gibt es Papier uns Stift! Sogleich wird eifrig gekritzelt, doch was man unter die Nase gehalten bekommt, ist keine Skizze. Gewisse Ähnlichkeit zu kleinen Zeichnungen besteht zwar, aber es handelt sich dabei um chinesische Schriftzeichen, die jeder Chinese, egal welchen Dialekt er spricht, versteht.
Weil man den Leuten, denen Zeichensprache ohnehin völlig fremd scheint, mit Gestiken keinesfalls klar machen kann, dass man die Schriftzeichen nicht versteht, bleibt nichts anderes übrig, als auf chinesisch den einfachen Satz “Ich kann nicht lesen” zu sagen. - Ahh, verständnisvolles Nicken, so mancher kann schließlich hier nicht lesen.
Erfreut wird wieder auf einen eingeschrieen, nun von allen Seiten aus der mittlerweile beachtlich um einen angewachsenen Menschenmenge, denn jeder hat ja gerade gehört: man spricht Chinesisch.
Chinesische Schriftzeichen (Birgit)
Straßenschilder, die zusätzlich zu den chinesischen Schriftzeichen auch mit lateinischen Buchstaben beschriftet wurden, sind außerhalb von Großstädten rar.
Mit etwas Einfallsreichtum ist dies aber kein Problem. Man kann sich die Zeichen ganz gut merken und braucht so nicht bei jedem Schild die chinesische Straßenkarte aus dem Gepäck zu kramen um mühevoll zu vergleichen.
Der berühmte Touristenort Yangshuo zum Beispiel besteht aus mehreren Zeichen: 阳朔. Zuerst ein “ß”, der Rest der Zeichenfolge stellt eine typische chinesische Wohnung dar: Links das Stockbett und zwar ein richtig chinesisches. Denn die meisten Leute hier sind sehr klein und haben, um Platz zu sparen, oft unglaublich kurze Betten.
Neben dem Bett befindet sich ein Jugendlicher. Man erkennt sofort, dass es ein Junge ist und zwar an der ausgeflippten Frisur, denn es ist gerade recht “in” als Bursche die Haare länger zu tragen und sie “zu Berge” stehen zu lassen. Mädels bevorzugen, so “westlich” wie möglich auszusehen: statt schwarzen, glatten Haaren werden also künstliche Locken und helle, unnatürlich aussehende Farben, die wohl blond oder rot darstellen sollten, getragen.
Auf jeden Fall reckt der Junge vor Freude die Hände in die Höhe, denn endlich braucht er nicht mehr zum öffentlichen Fernseher beim Geschäft zu gehen. Er hat nun selbst einen und sitzt wie immer mehr Chinesen sobald er zu Hause ist davor.
Mehr als ein Bett und einen Fernseher haben viele nicht in der Wohnung. Darum wohl ist das Schriftzeichen auch nicht länger. - Ist chinesisch lesen nicht einfach?!
Englische Helfer (Birgit)
Speziell in Großstädten wird es immer üblicher, Dinge auch auf Englisch zu beschriften. Dank dieser Hilfen sollte es für Ausländer eigentlich recht einfach sein sich zurechtzufinden, doch die gut gemeinten Schilder sind nicht immer leicht zu verstehen.
Sind die Buchstaben nur in der falschen Reihenfolge angeordnet, hat man schnell den Sinn heraußen (zum Beispiel ‘Tiolet’ = ‘Toilet’). Schwieriger wird es, wenn die Hinweistafeln aus mehreren Worten bestehen. Ein Beispiel dazu aus dem Internetcafé, in dem wir gerade sitzen: “Receives silver” steht hier auf einer Tafel, auf Deutsch übersetzt also: “erhält Silber”, was ja ohne kombinieren wenig Sinn ergibt. Gemeint ist mit dem Schild die Kassa. Glücklicherweise kann man dort anstatt mit Silber auch mit Geldscheinen bezahlen.
Richtig interessant wird es im Supermarkt: eine Vielzahl der Produkte ist schon zusätzlich auf Englisch beschriftet. Man bekommt auf der Verpackung dann nicht nur zu lesen, um was es sich beim Inhalt handelt. Oft fehlt diese Information nämlich völlig. Viel ausführlicher wird in langen Phrasen beschrieben, wofür das Produkt gut ist. Die Eiscreme letztens sollte zum Beispiel Reichtum in unser Leben bringen, die Schokolade hundertfache Fröhlichkeit. Auf einem Weinflaschenetikett wird erklärt, Wein ist das Geburtsrecht von allen, …
Interessant auch folgendes Produkt, das wir gerade verzehrt haben: “Mandarin Duck Sandwich” - ein Sandwich mit chinesischem Entenfleisch also?
Falsch! Aber dafür gibt’s ja glücklicherweise die Produktbeschreibung: “warmth from me Far from each other we may be. You are here. At the bottom of my hear.”
- Ganz klar, dabei kann es sich nur um eines handeln: einen Keks mit Vanillecremefüllung!
Chinesische Süßspeisen (Martin)
Während in Österreich zum Abschluss einer Mahlzeit ein Dessert serviert wird, bringt man in China als letzten der unzähligen Gänge Reis. Vielleicht besser so, denn chinesische Süßigkeiten sind sehr gewöhnungsbedürftig für unsere Gaumen.
Chinesische Schokolade zum Beispiel verdient höchstens die Bezeichnung “Kakaobutterersatz”, was wohl schon geschmeichelt ist. - Da schon lieber Zuckerrohr kauen!
Natürlich gibt es eine Vielzahl ähnlicher Süßigkeiten wie in Europa. Chinesische Kinder schlecken genauso gern Eis, nur hat es eben zum Beispiel Mais-, Bohnen- oder Erbsengeschmack. Germknödel werden hier nicht mit Powidlmarmelade, Mohn oder Vanillesauce serviert, sondern mit Fleischfüllung, Bohnenpaste, Kraut oder Glasnudeln.
Sogar die bekannte Fastfoodkette McDonalds geht andere Wege: statt Apfeltasche gibt es Erbsentasche.
Zweiradfahrer (Martin)
Bei den chinesischen Zweiradfahrern gibt es unseren Beobachtungen nach zwei verschiedene Sorten. Da sind zum einen die Elektrorollerfahrer, die mit einer für Chinesen enormen Geschwindigkeit von knapp 15 km/h, die sie mit einem Fahrrad nie erreichen könnten, durch die Stadt rasen. Dabei erleidet der Fahrer wohl furchtbare Angstzustände, ist zudem mit Hupe, Bremse und Gaspedal total überfordert und hat somit nur noch Zeit, stur geradeaus zu schauen.
Die andere Sorte von Zweiradfahrern - zumeist handelt es sich hierbei um Radfahrer - ist das komplette Gegenteil und kommt vor lauter Staunen über das, was links, rechts und hinten passiert, nicht mehr zurecht und vergisst völlig den vorderen Bereich, wobei auch die Balance sehr eingeschränkt wird. Ein Umkippen kann - wie auch immer - jedesmal gerade rechtzeitig noch verhindert werden.
An den Kreuzungen ergibt sich dann aber ein Problem, da die beiden Sorten von Zweiradfahrern zusammentreffen. Die einen wissen, was vor ihnen passiert, aber nichts von Links und Rechts. Die anderen wiederum kennen Links und Rechts, nicht aber was sich geradeaus tut und somit ist ein Zusammenstoß unvermeidbar.
Musik (Birgit)
Chinesen, die Österreich kennen, nennen es meist “das Land der Musik”. Stimmt, bestätigen wir dann und denken im Stillen “denn China hat ja keine Musik”.
Die chinesischen Schlager, die tagtäglich lautstark in den Karaoke-Bars, die tausende Leute fassen, nachgejault werden (eine der Lieblingsbeschäftigungen der jungen Leute in Städten), können ja nicht ernsthaft “Musik” genannt werden. Von österreichischen Schlagern schon nicht gerade angetan, finden wir chinesische einfach zum davonlaufen.
Auch die chinesische Oper ist für viele “Westler” nervenaufreibender Lärm. Der Klang der eigenartigen Musikinstrumente ist zu fremd, der Gesang in ungewohnten Tonhöhen wird oft als ohrenbetäubend empfunden. So mancher Tourist flüchtet schon nach wenigen Minuten aus einer Opernvorführung.
Doch Chinesen scheint es nicht anders mit westlicher Musik zu gehen: warum sonst tönt zum Beispiel aus den Lautsprechern von Xiamens Strassenreinigungsmaschinen, die mit einem Hochdruckwasserstrahl die Strassen säubern, als Warnung vor dem Wasserschwall das Lied “Happy Birthday”? Was bei uns viele freudig anlockt und den Eiswagen oder eine Geburtstagsfeier vermuten lässt, veranlasst Chinesen also zur Flucht!
Arztbesuch (Martin)
Bis jetzt haben wir noch keinen Arzt gebraucht, doch nach einem halben Jahr China und somit einem halben Jahr Garküchen, in denen wir Unmengen verzehrt haben, ist es soweit: Ich brauche einen Arzt.
Nein, keine Magenvergiftung. Ein halber Stockzahn musste daran glauben.
Ein Zahnarzt ist schnell gefunden. Der englischen Sprache ist bis auf ein “Hello” aber niemand mächtig, so plage ich mich mit unserem kleinen Übersetzungsbüchlein und nach einer Weile begreifen sie tatsächlich, was ich will und deuten, ich soll mich schon mal auf den Stuhl da setzen. Doch als ich diesen sehe, zweifle ich, ob es nicht ein Fehler war, hierher gekommen zu sein, denn von sauber kann nicht die Rede sein: es dürfte kurz vorher der Maler dagewesen sein, zumindest ist der Zahnarztstuhl und auch der Tisch mit den Instrumenten voller Farbflecken.
Bevor ich mich setzen darf, bekomme ich noch so lustige, kleine Plastiksackerl, die ich über meine Schuhe ziehen soll. Doch diese sind für Chinesen entworfen und somit viel zu klein. Außerdem wofür? - Damit ich meine Schuhe nicht schmutzig mache?!
Die Ärztin modelliert aus Plombenmasse einen neuen Stockzahn. Wasser zum Ausspülen gibt es keins, dafür kostet das ganze nur 3,70 Euro - sieht aber auch genauso aus.

Hi Birgit,
hallo Martin!
Hab lange nicht mehr vorbeigeschaut und dafür entschuldige ich mich auch ganz herzlich. Tut aber ungemein
gut von euch zu lesen. Anscheinend geht’s euch gut und mit Sicherheit macht ihr großartige Erfahrungen,
zumindest lassen eure Berichte das vermuten. Eure Berichte sind übrigens exzellent geschrieben und
erlauben auf äusserst humorvolle Weise einen kleinen Einblick in fremde Kulturen. Der Vergleich hinkt zwar,
aber da ich vor einem Jahr das Marketing für INTERSPORT in Tschechien und der Slowakei übernommen hab,
verstehe ich einige eurer Kommentare wohl besser als manch anderer Leser. Fremde Länder, fremde Sitten
(das gibt’s aber auch innerhalb Österreichs!).
Ich wünsche euch noch alles erdenklich Gute. Bleibt bitte gesund und hoffentlich sehen wir uns in nicht allzu
ferner Zukunft wieder!
Konfuzius sprach: “Ein edler Mensch predigt nur das, was er zuvor schon selbst in die Tat umgesetzt hat.”
In diesem Sinne: Bleibt euch selbst treu und findet weiterhin täglich euer Glück!
Bernhard Wöhrleitner
Kommentar von wöhrli — 13.12.2006 @ 13:17