Reiseerlebnisse mal ohne Fahrrad

Mittwoch, 30. August 2006 @ 18:24 von Birgit | Wenzhou, China

Der Tag, an dem das Visum abläuft, naht. Bald müssen wir ausreisen, am besten nach Hongkong, denn für diese Spezialzone Chinas brauchen EU-Bürger kein Visum und man erhält dort statt der sonst üblichen 90 Tage Visa auch Halbjahresvisa für China.

So weit ist Hongkong zwar nicht mehr entfernt, aber wir müssten uns beeilen, um es innerhalb der Visafrist zu erreichen. Und beeilen wollen wir uns nicht, denn gerade nun scheint die Landschaft endlich interessant zu werden. So beschließen wir, uns Zeit zu lassen und einfach vor Visaablauf in den Zug nach Hongkong zu steigen, dort das Visum zu holen und danach von dem Punkt, wo wir in den Zug gestiegen sind, wieder weiter zu radeln.

Der “Punkt” ist Wenzhou an der Ostküste Chinas. Unser Timing ist perfekt. Wären wir nur einen Tag früher dort angekommen, hätte uns “Saomai”, der stärkste Taifun Chinas seit über 40 Jahren, der die Stadt Wenzhou mit circa 270 km/h schlimm verwüstet hat, getroffen.

Hongkong tut uns richtig gut: es ist die “westlichste” Stadt der gesamten Reise. Bis auf die enorme Größe und die Menschenmassen im Zentrum erinnert uns somit vieles an daheim. Für uns das Angenehmste: nicht stundenlang angestarrt zu werden, völlig normal behandelt zu werden, nicht aufzufallen.

Während unseres Aufenthaltes gönnen wir auch unseren Rädern ein wenig Luxus: während wir wie immer im Freien schlafen (wofür Hongkong übrigens dank vieler grüner Flecken perfekt ist), dürfen diese sicher verwahrt kostenlos in einem Hotel in Wenzhou nächtigen.

Wir geniessen die zwei Wochen, die wir in Hongkong verbringen somit quasi ohne Fahrräder mit vielen Ausflügen und kriegen so bald wieder richtig Lust aufs Biken. Doch bis es soweit ist, steht uns eine etwas längere Zugfahrt bevor: 32 Stunden reine Fahrzeit insgesamt. Die längste Fahrt ohne Umsteigen - mit einer “Pemperlbahn” - dauert 28 Stunden.

Auf unsere Tickets müssen wir in Guangzhou (China) 2 Tage lang warten. Dort ist ein Riesen-Bahnhof und praktischerweise sind Dank der unglaublichen Menschenmassen auf diesem auch unzählige Leute, die vor dem Bahnhof übernachten. Wir schlafen also einfach inmitten der Chinesen und kriegen somit auch nur selten die unsanften Tritte der Polizisten ab, die das Rudel alle paar Stunden in eine andere Ecke scheuchen.

Es ist eine äußerst interessante Erfahrung mit so vielen Leuten zu “campen” und es sei jedem Chinatouristen wirklich empfohlen eine oder gleich mehrere Nächte auf einem solch großen Bahnhof zu verbringen!! Oder zumindest eine richtig lange Zugfahrt im billigsten Sitzabteil (hier gibts keine Trennwände).

Wenn man Pech hat (wie wir bei der Hinfahrt), ist es eine richtig angenehme Fahrt und man sieht nicht viel von den chinesischen Reisesitten oder wie man es nennen will. Dann gibts nur das übliche Geschmatze, Geschlürfe, Geschreie und Gespucke, aber das wird einem ja schließlich auch in jedem Restaurant,… geboten.

Wenn man hingegen Glück hat, wird es eine solch interessante Fahrt, dass jede verschlafene Minute ein Versäumnis darstellt.

In unserem Fall fängt es mit Kleinigkeiten an: Kleinkinder rotzen die Sessel mit unendlich langen Sekretsfäden an, sodass die Hosen der Vorbeigehenden einen silbrigen Touch bekommen. Als die Kinder später schlafen gelegt werden - einfach ohne Unterlage auf den Boden oder mit einem Stück Zeitungspapier, dass aber zumeist viel zu klein ist -, rotzen und spucken die Eltern und Großeltern munter zwischen die Kinder.

Der Boden sieht ohnehin nach bereits wenigen Minuten wie ein Schlachtfeld aus. Schließlich beginnt jeder sofort nach dem Einsteigen ohrenbetäubend zu Essen und alle Reste wandern auf den Boden. Entenknochen, Nuss- und Sonnenblumenschalen,… häufen sich neben anderem Müll und drohen die Neugeborenen, die manchmal auch auf dem Boden liegen (zum Glück meist auf einer Reisetasche), fast zu begraben.

Während mein Gegenüber (ein erwachsener Mann) mich mit seinem Naseninhalt beflakt - und er hat einen gewaltigen Vorrat - versuch ich den grausigen Gummihandschuhen der Putzfrau, die definitiv auch zum Kloputzen genommen werden, zu entgehen. Die gute Frau greift mit diesen jeden und alles an, auch die volle Suppenschussel des Nachbarn (innen natürlich :eek:).

Ein Spaziergang Richtung Toilette ist sehr empfehlenswert. Nicht wegen dieser an sich, da sie erst in den letzten Stunden richtig interessant wird. Aber es ist einfach bemerkenswert, wie viele Chinesen am triefend nassen Boden vor dem Klo Platz haben, dort im Toilettenduft genüsslich ihre Mahlzeiten verzehren, die Kinder hinlegen,… - sogar IM Waschbecken finde ich drei Jugendliche … - 27 Stunden den Wischmop, die Füße und Koffer der Leute und den ganzen Müll abzubekommen muss toll sein! Ein Glück, das wir einen Sitzplatz haben!!

Doch auch mein Platz ist neuerlich gefährdet. Denn ein Pärchen mit Kleinkind ist zugestiegen. Wie üblich hat das Kind keine Windel an, sondern nur einen Schlitz in der Hose (obwohl viele für solche Reisen dann doch zur Windel greifen).

Schon nach kurzem probiert die Mutter immer wieder mit animierenden Geräuschen, das Kind auf den Boden neben mich haltend, ob es nicht mal “muss”. So ist im Nu nicht nur der Boden überschwemmt, auch die Mutter - noch ein wenig unerfahren und langsam - bald recht nass. Die Pfütze rinnt zu den Kindern, die in der nächsten Reihe am Boden liegen, ein Mann platziert seine Ware, die er im Zug zum Verkauf anbietet genau im Zentrum des kleinen Sees.

Bald hat das bemerkenswert durstige Baby auch das auf dem Sessel liegende Hemd des Sitznachbarn erwischt. Dieser verzieht keine Miene und packt das Hemd, dass die (ihm fremde) Frau nun auch noch zum Abtupfen des Hinterteils des Kindes nimmt, in den Koffer zum sauberen Gewand.

Schließlich muss das Baby auch noch ein größeres Geschäft erledigen. Nicht nur der Geruch ist total lässig (und uns stehen noch 20 Stunden Fahrt bevor), sondern auch das klug platzierte, benutzte Klopapier mitten im Gang, in dem sich nun die barfuss vorbeigehenden Kinder verheddern und es nachschleifen…

Die Eltern, die nun einen Sitzplatz ergattert haben (Glück für mich, so hab ich etwas Sicherheitsabstand), setzen das Baby dann mit nacktem Po auf den Esstisch - das ergibt eine wahrlich schöne Fontäne auf die Sitze (ist ein Knabe). Als die zwei mit ihrem Baby bald wieder aussteigen, stürzen sich schon erfreut ein paar Leute auf die freien, ziemlich durchnässten Plätze und machen sichs dort gemütlich …

Martin und ich könne uns nicht mehr halten vor Lachen. Verständnislos mustern uns die anderen Leute, die nichts Abnormales entdecken können, das Anlass zum Lachen geben könnte, und fühlen sich wieder bestätigt. Jaja, die “Laowei” - die Ausländer - sind schon komisch…

Dieser Beitrag wurde vor 3 Jahren 11 Monaten 4 Tagen - am Mittwoch, 30.8.2006 um 18:24 - von Birgit erstellt und kann in folgenden Kategorien gefunden werden: Tagebuch. Du kannst die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 verfolgen. Weiter unten kannst du uns einen Kommentar hinterlassen oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.

7 Kommentare »

  1. Das ist aber nicht wirklich passiert, oder? Das ist wohl das Entsetzlichste was ihr je in Bezug auf Hygiene und menschliches Verhalten gesehen habt, oder?

    Kommentar von Jörg — 11.9.2006 @ 17:03
  2. Liebe grüße aus Bad St. Leonhard.
    Muß wirklich eine tolle Zugfahrt gewesen sein.Wäre nichts für meine Mälds.
    Ihr habt ja wirklich tolles geleistet. Also viel spaß noch und strampelt fest!

    Kommentar von Karner Gerhard — 19.9.2006 @ 21:04
  3. wei, wei, wei, wei….. i hob grod gessen!!!!!!! :flush_tb:

    Kommentar von lisi — 29.10.2006 @ 15:48
  4. Hi ihr zwoa!!!
    A Wahnsinn! Des kaun ma si jo gor net vorstöhn!!! IGITT!! Das ihr do nu lochn kina hobts! Na jo, so wia i eich kenn, kaun eich nichts erschüttern. Es woa jo a
    riesen Erlebnis!
    Bis boid wieder moi!
    SIV :flush_tb: :flush_tb:

    Kommentar von SIV — 9.11.2006 @ 22:08
  5. Hallo Ihr Beiden!
    Ich hoffe es geht Euch gut. Leider werden Eure Tagebucheinträge immer weniger. Wir warten schon auf den nächsten interessanten Bericht. Alles Gute für Euch weiterhin, Ulli

    Kommentar von Ulrike Fluch — 9.11.2006 @ 22:44
  6. Grias eich ihr zwa! Ma des is oba wirklisch gscheit grauslich - i was a net recht, ob i do lochn hätt kina - naja, vermutlich seid ihr da schon etwas
    besser abgehärtet als ich. I bin schon gespannt auf die nächste story! Vösi Maria

    Kommentar von Maria Vösenhuber — 13.11.2006 @ 20:43
  7. Hallo ihr Beiden, nett daß ihr mal auf meine Seite geschrieben habt.
    Leider habt ihr keine Bilder von dem Zug dem Artikel zugefügt, aber andererseits ist er so brilliant geschrieben daß man sich selbst eine gute Vorstellung machen kann.
    Ligrü
    Rupert

    Kommentar von Rupert Riedl — 18.11.2006 @ 14:16

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