Es ist, wie auch schon die meisten Reisebeschreiber hiesiger Gegenden angemerkt haben, bei den Völkern dieser Länder ein Glaubensartikel, den See Baikal ein Meer und nicht einen See zu nennen, weil ihrem Vorgeben nach der See es sich für schimpflich hält, ein See genannt zu werden, und sich unfehlbar an dem, der ihm solchen Schimpf antut, rächt. Weil sie nun solchergestalt meinen, dass derselbe etwas Göttliches an sich habe, so hat er schon von alten Zeiten her den Namen “Heiliges Meer” erhalten. - Johann Georg Gmelin um 1730
Während unseres Aufenthaltes in Irkutsk (wir warten auf das Mongoleivisum) machen wir mehrere Ausflüge zum Baikal. Eigentlich hatten wir gehofft, er wäre gefroren, doch trotz der Kälte befinden sich nicht mal kleinste Eisschollen im Wasser. So können wir sogar noch eine Bootstour unternehmen, aber wohl leider nicht wie geplant auf dem gefrorenen Baikal radeln. Die Einheimischen meinen zwar, es genüge eine windstille, kalte Nacht und er sei eingefroren, aber das scheint uns unmöglich. Der Baikal ist ja riesig, ein Meer (wie die Einheimischen sagen) von der Größe Belgiens und soll in einer Nacht gefrieren?!
Wir erhalten unser Visum nach einer Woche aber bleiben noch länger in Irkutsk, denn Dank unseres Freundes Kosta können wir viele längst notwendigen Dinge erledigen und Marina und Vladimir lassen uns nicht nur in ihrem Haus wohnen, sondern werden so gute Freunde, dass die Weiterfahrt gleich mehrere Male verschoben wird.
Als wir uns dann endlich auf den Weg über die Berge machen, die den See umgeben, sind wir gespannt: wird unter dem Eis, auf dem wir die nächsten Tage radeln werden, Asphalt sein oder doch das grösste Süßwasserreservoir der Erde?
Vor den letzten Serpentinen auf dem Weg zum Baikal stoppen wir. Der Blick hinunter ist atemberaubend: umringt von steil aufragenden Bergen eine riesige weiße Fläche. Atemberaubend, die gewaltige Ebene. Auf ihr tummeln sich schwarze Punkte. Einige Serpentinen weiter erkennen wir, dass es sich dabei um Autos handelt, die Schlitten mit Kindern an Seilen nachziehen und um Fischer, die auf kleinen Hockern oder in beheizten Hütten vor ihrem Eisloch auf guten Fang warten.
Für uns bedeutet dies also, dass wir in den nächsten Tagen nicht das Rauschen der Wellen vernehmen werden sondern das Knacksen des Eises. Und dieses gibt gar eigenartige Laute von sich. Anfangs erinnern wir uns – kaum zu glauben bei Minus 25 Grad – dabei an Australien, denn die Emus dort geben ähnliche, dumpfe Geräusche von sich. Doch sonst unterscheidet sich die Strasse nicht wirklich von den russischen Winterstrassen, denn diese sind genauso eisig, nur dass der Baikal keine Schlaglöcher aufweist.
Oft fahren wir auf einer dünnen Schneedecke, manchmal jedoch auf blankem Eis. Der dunkelblaue bzw. schwarze Untergrund mit den weißen Rissen sieht nicht nur toll aus sondern ist auch angenehm zum Radeln und wir kommen gut voran. Doch bald werden die Spuren auf dem Eis weniger. Nach einiger Zeit sind keine Autos mehr um uns – wir sind allein. Völlige Ruhe bis auf gelegentliches Grollen. Nun wird der Schnee zwar tiefer und das Radeln anstrengender als es wohl auf der hügeligen Asphaltstraße um den See wäre, doch die Einsamkeit und die tolle Landschaft belohnen für die Mühen. Auch die Nacht auf dem Eis ist recht angenehm – so eben sind wir schon lang nicht mehr gelegen!
Am nächsten Tag ist es ungewohnt warm und dies bekommen wir nicht nur zu spüren – auch zu hören. Das Eis knackst gewaltig. Lange ist der Baikal ja noch nicht gefroren, erste Bedenken kommen auf, ob das Eis wohl wirklich dick genug ist?! Auto haben wir schon seit gestern keines mehr gesehen und auch keine Spuren mehr. Als Martin beim Überqueren eines Risses mit dem Vorderreifen ins Wasser einbricht wird aus der leichten Ungewissheit leichtes Unbehagen. Jeder Riss wird kritisch begutachtet, 1400 Meter ist das Wasser an der Stelle, an der wir jetzt sind, circa tief (tiefster Punkt 1637 Meter) und das Eis knarrt und knirscht.
Am späten Nachmittag passiert es dann: beim Überqueren eines Risses kracht Martin ein. Glücklicherweise reagiert er schnell genug und holt sich nur nasse Füsse. Dank dem Anhänger fällt das Fahrrad nicht ganz ins Wasser und wir können es wieder herausziehen.
Wir radeln nach diesem Schock Richtung Festland. Um Martins Sachen trocken zu bekommen, wollen wir ein Lagerfeuer machen, werden aber – es befindet sich eine kleine Siedlung am Ufer – von Nationalpark-Rangers zum Übernachten eingeladen. Ein Glück, denn in dieser Nacht fegt ein kleiner Sturm über den See – nicht angenehm im Zelt.
Aber auch nicht am nächsten Tag beim Radeln, denn der Wind ist immer noch extrem stark und es hat Minus 36 Grad. Nicht nur eine eisigkalte sondern auch eine extrem anstrengende Angelegenheit, da der Wind zumeist von vorn oder von der Seite kommt.
Der Riss im Eis – mehr als einen Meter breit – ist leider nicht wie erhofft über Nacht gefroren. Mit einem Brett wär es wohl kein Problem ihn zu überqueren, aber so ist das Risiko zu gross. Wir radeln am Riss entlang, um eine geeignete Stelle zu finden, doch er ist extrem lang und zu breit. Nachdem es nach Stunden aussichtslos erscheint, beschließen wir, an einer anderen, weit entfernten und viel schmaleren Stelle zu überqueren, was letztendlich auch gelingt.
Mittlerweile befinden wir uns übrigens schon in Ulan Ude, nur noch 230 Kilometer von der mongolischen Grenze entfernt, denn das zu Hause genannte Ziel, der Baikal ist zwar erreicht, aber das Motto unserer Reise lautet ja “Der Weg ist das Ziel” und somit geht es für uns weiter ins Land der Steppen und der Pferde.
Bei unseren Freunden Sergey und Xenia in Ulan Ude haben wir nicht nur ein warmes zu Hause für unseren Aufenthalt, sondern erfahren auch viel Interessantes über die landschaftlich besonders reizvolle Republik Burjatien und wie man außer mit Radreisen hier einen Urlaub noch abenteuerlich gestalten kann. Mehr dazu auf der Homepage Baikal Extreme, interessant für alle Biker, Skifahrer, Snowboarder, Rafter, Trekker und Kitesurfer die den besonderen Nervenkitzel suchen.

der wahnsinn was ihr so erlebt - minus 36°!!! - und ich fang hier in ö schon zu jammern an, wenn das thermometer bei der -10° markierung “anklopft”. noch dazu seid ihr den ganzen tag draußen…uih uih uih…ich bin halt ein österreichisches weichei.
Kommentar von elfi — 16.2.2006 @ 10:54jedenfalls hab ich den größten respekt vor euch und eurer mission, weiter so - nächstes jahr treff ma uns dann ja in thailand (oder wo war das nochmal?)! und ich flieg jetzt dann schon mal in tropischere klimazonen - nächste woche geht’s ab nach nicaragua!
viel glück für eure weiteren abenteuer!