“Sibirskij Maros” - nun ist uns klar, was diese russischen Worte heißen, ohne sie je im Wörterbuch nachgeschlagen zu haben. Aber um ihre Bedeutung wirklich zu begreifen, muss man sie ohnenhin am eigenen Körper verspürt haben.
Zum besseren Verständnis verbringe man wie wir die Tage mit Fahrradfahren und die Nächte im Zelt. So kommen wir 24 Stunden des Tages in den Genuss dieses uns neuen Gefühls der “Maros” und das gleich mehrere Wochen. Unsere Neugierde auf das Leben in einer viel zu kalten Tiefkühltruhe ist schliesslich gross und anfänglich faszinieren uns die Auswirkungen der Kälte.
Zum Beispiel sind die Lebensmittel, die wir kaufen, schon nach wenigen Minuten tiefgefroren, selbst wenn wir sie zum Schutz unter die Jacke stecken. Nur direkt am Körper getragen bleiben sie warm genug.
Bei jeder Hautberührung mit Metall klebt man daran fest. Körper und Hände sind zwar ohnehin verhüllt, doch das Essen mit unseren Metalllöffeln wird so zur anspruchsvollen Aufgabe. Praktisch hingegen ist es, wenn man kleckert, denn es gefriert sofort und verursacht keine Flecken, man braucht es nur abzukratzen.
Sogar Kleinigkeiten wie das Schliessen der Packtaschen fallen nun schwer, denn der silikonbeschichtete Stoff ist starr und unnachgiebig.
Plastik ist bei diesen Temperaturen spröde und zerbricht bei der geringsten Belastung. Auch Schmierstoffe werden zäh: nicht nur die Schaltungen unserer Räder werden so schwergängig, dass wir sie statt mit einem Finger mit der ganzen Hand bedienen müssen, sondern auch der Verschluss unserer mechanischen Kamera arbeitet viel zu langsam. Nur direkt am Körper getragen funktioniert sie noch.
Batterien streiken schon nach wenigen Minuten im Freien, darum verwenden wir unsere Stirnlampen nur wenn unbedingt nötig. Im Zelt ist die Sicht sowieso stark beeinträchtigt, denn der Dampf unseres Atems verhüllt alles in dichten Nebel. Wenn wir die Lampen nicht brauchen, stecken wir sie wie die Lebensmittel und die Kamera unter unsere vier bis fünf Gewandschichten direkt an den Körper. Von sportlicher Figur kann so wohl keine Rede mehr sein :grin:.
Doch nicht nur unser Material, besonders unsere Körper reagieren trotz der vielen Kleidung empfindlich auf die Kälte und lassen unsere anfängliche Faszination schnell weichen. Träume von einem warmen kleinen Plätzchen werden wach. Nein, nicht Palmenstrand mit Sonne, dass können sich unsere gefrorenen Gehirnzellen nach Tagen in der Kälte gar nicht mehr vorstellen. Ein einfacher Holzverschlag mit Ofen beherrscht unsere Gedanken. Keine Überlegung zuviel wird verschwendet, nicht mal Appetit auf Essen verspüren wir mehr. Nun sind Radfahren und der Schlafsack die definitiven Höhepunkte des Tages, denn dann ist es am wärmsten.
Der Abbau unseres Nachtlagers jeden Morgen wird hingegen zu einer unangenehmen, zeitaufwendigen und anstrengenden Prozedur. Selbst für Arbeiten, zu denen wir Fingerspitzengefühl benötigen würden, können wir die Handschuhe nicht mehr ausziehen. Doch von Fingerspitzengefühl ist ohnehin längst keinen Rede mehr, auch unsere Polarhandschuhe mit dem vielversprechenden Namen “Arktika” sind wohl nicht für sibirische Temperaturen geeignet und unsere Finger sind steif und taub von der Kälte und lassen sich nur noch langsam bewegen.
Noch problematischer ist es, die Zehen vor Erfrierungen zu schützen. Solange wir fühlen, daß sie kalt sind, ist alles in Ordnung, doch sobald der stechende Schmerz schwindet, heißt es schnell handeln und ausgiebige Spaziergänge unternehmen, denn nur so werden die Füsse wieder warm genug um Gefühl zu bekommen. Einige taube, bräunlich-schwarze Stellen von Erfrierungen konnten wir trotz ausgiebigen Wanderungen und unseren Winterstiefeln für minus 50 Grad mit mehreren warmen Socken getragen, nicht verhindern.
An die vielen Kleidungsstücke und die dadurch eingeschränkte Bewegungsfreiheit haben wir uns nun längst gewöhnt. Als unangenehm empfinden wir nur noch unsere Gesichtsverhüllung. Zwei Sturmhauben und eine Maske tragen wir übereinander. Dies schränkt die Sicht und die Bewegungsfreiheit stark ein, und meine Brille beschlägt durch den Dampf des Atems, der bei den Maskenöffnungen herausströmt, sodaß ich lieber schlecht sehe und ohne fahre. Der Atem lässt die Masken im Nu feucht werden und einfrieren. So klebt nicht nur Martins Bart daran fest, auch erstarren sie in Form des Gesichtes und lassen nur wenig Kinnbewegungen zu.
Doch so unangenehm unsere “Larven” aus Eis auch sind - wenige Minuten ohne und das Gesicht gefriert. Martins Nase durfte diese leidvolle Erfahrung schon machen, doch glücklicherweise ist wieder alles in Ordnung (kein zweiter Michael Jackson
) .
Auch zum Atmen benötigen wir die Gesichtsverhüllung: jedes Einatmen ohne diese verursacht ein Kratzen und Brennen in der Lunge und Husten.
Die wenigen Leute auf den fast menschenleeren Strassen trauen ihren Augen kaum, wenn sie uns - zwei total vermummte, unförmige, gefrorene Gestalten auf völlig überladenen Fahrrädern - die vereisten Strassen entlangstrampeln sehen. Selbst Autofahrten über längere Distanzen gelten bei diesen Temperaturen als extrem.
Bei Temperaturen, bei denen selbst die Quecksilbersäule des Thermometers vor der Kälte zu fliehen versucht und sich auf ein Minimum zusammenzieht, bei denen die Motoren der LKWs und Autos bei Pausen nicht mehr abgestellt werden, weil sie nicht mehr anspringen würden, die Kinder schulfrei bekommen (ab minus 35 Grad Celsius) und selbst der Weihnachtsmann es nicht rechtzeitig zum 24. Dezember schafft, die Geschenke zu verteilen (Weihnachten am 7. Jänner), haben sie alle die selbe Frage:
“Njet cholodna - Nicht kalt? :shock:”
:???:
:???:

Ächz… :shock:
Das hört sich alles so extrem an, dass man glaubt ihr spinnt komplett
Ich zweifle aber nicht an eurem Geisteszustand, keine Sorge :!:
Man kann sich das gar nicht vorstellen, v.a. wenn man schon den Wiener Winterwind am Donaukanal als eisig empfindet. Für euch wären diese -5 Grad Beach-Party-Wetter, wo ihr wahrscheinlich in der Unterwäsche herumlaufen würdet
Unglaublich was ihr da für Strapazen auf euch nehmt - und es wird nicht besser. Was ich so gehört hab geht der Winter in Russland so bis März, April dahin - von Sibirien gar nicht zu sprechen!!
Auf jeden Fall viel Glück, behaltet eure Körperteile zusammen (immer zurückschauen, wenn ihr nach einer Pause aufbrecht :shock: !!) und
bolee tjoploj pogody schelaet vam
Jörg
Kommentar von Jörg — 19.1.2006 @ 21:37Hallo ihr zwei!
Kommentar von SIV — 21.1.2006 @ 13:34Ich bewundere wirklich euren Ehrgeiz und hoffe stark, dass alles gut geht mit euch!
Also, haltet euch warm und strampelt so gut es geht! (Zieht euch ja nicht zuviel aus!)
Meld mich bald wieder per Mail bei Birgit!
Bis dann!!!!
EURE SIV !!!
Also Hut ab…
…aber das geht bei euch ja sowieso nicht, oder?
Ich muss sagen, auch bei uns kommt es mir schon kalt vor - bei läppischen 14 Grad unter Null. Nicht selten sind meine Gedanken in den letzten Wochen bei euch - unvorstellbar - ich pack die 20min zur Uni mit dem Rad kaum. Dann denke ich wieder mal kurz an euch, und… wie gesagt - unvorstellbar.
Aber es ist wirklich interessant und beeindruckend zu lesen, wie ihr eure Alltagsprobleme in der Saukälte - man entschuldige den Ausdrucke, aber wann würde dieser Begriff passen wenn nicht hier - meistert. Aber das alltäglichste von allen kann ich mir so gar nicht mehr vorstellen - das erinnert mich so ein bisschen an “Werner”…
Wir freun uns schon wieder was von euch zu hören. Eigentlich wollte ich noch schreiben “Ohren steif halten”, aber besser ihr haltet sie warm. Lasst euch nicht unterkriegen!
Esi
Kommentar von Esi — 23.1.2006 @ 15:37