Der letzte geplante Abstecher liegt hinter uns, das Wetter ist bis auf kurze Schneefälle wunderbar und die Sonne bringt den Schnee auch gleich wieder zum Schmelzen. Man könnte meinen, dass Herbst ist, doch haben wir bereits Anfang November, liegen in unserem Zelt und berechnen schon, dass wir nun - Dank dem tollen Wetter - bald am Baikalsee ankommen werden.
Geweckt werde ich am nächsten Morgen von einem kleinen Eiskristall, der vom Innenzelt in mein Gesicht rieselt. Es ist schon spät und wir wundern uns, warum es noch so dunkel ist. Erst als ich aus dem Schlafsack krieche und sehe, dass das Zelt ganz eingedrückt ist, weiss ich, dass es geschneit hat - und das nicht wenig.
Ich steige aus dem Zelt um Tee zu kochen, doch versinken meine Füsse fast bis zu den Knien. Mit soviel Schnee habe ich nicht gerechnet - zu Hause in unserer Gegend schneit es das ganze Jahr nicht soviel wie hier in einer Nacht! Ob wir heute überhaupt weiterfahren können, weiss ich nicht, doch schon sehe ich auf der Strasse einen Lada vorbeifahren, so sind wir recht optimistisch und schaufeln uns einen Weg zu dieser.
Nach einigen Minuten anstrengendem Schieben und Ziehen sind wir an der Strasse angelangt - die Spuren vom Auto jedoch sind schon wieder zugeschneit. Im tiefen Pulverschnee radeln wir los, doch das Gleichgewicht bei dieser Schneemenge zu halten ist sehr schwierig. Schliesslich haben wir keine Winterreifen und rutschen somit gewaltig. Die starken Bodenunebenheiten sehen wir nicht, der Anhänger gelangt immer wieder in eine andere Spur,… - ein paar Stürze sind die Folge.
Wir überlegen, ob wir umdrehen sollen, denn wir sind erst wenige Kilometer auf der Nebenstrasse unterwegs und wissen, dass es auch eine Asphaltstrasse Richtung Krasnojarsk gibt, doch ob diese geräumt ist, ist fraglich. Im selben Augenblick kommt ein Schneepflug um die Kurve und räumt die Strasse, und unsere Entscheidung, diesen Weg zu nehmen, ist somit gefallen. Die oberste Schneeschicht hat der Pflug geräumt, doch es ist immer noch sehr rutschig und nach wenigen Minuten bedeckt Neuschnee wieder die Fahrbahn, aber es ist - wenn auch nur sehr langsam und vorsichtig - möglich zu radeln.
Nach ein paar Kilometern erreichen wir ein Dorf, wo uns zwei Männer aufhalten und abraten weiter zu fahren. Sie sagen, bald wird mindestens hüfthoch Schnee liegen und das Weiterkommen mit einem Fahrrrad ist unmöglich. Auch ob Schneepflüge die Strasse nach dem nächsten Dorf räumen, ist nicht sicher, ausserdem gibt es sehr viele Wölfe in dieser Gegend.
Während der eine noch fasziniert von Sibirien redet : ” Sibirien, so gefährlich, so kalt”, holt der andere Speck und Brot für uns als Geschenk. Wir fahren trotz der Warnungen weiter, doch weit kommen wir nicht. Denn da sind schon wieder die beiden Männer von vorhin mit vier anderen in einem mit Sommerreifen bestückten Lada. Der Eine hat eine Vodkaflasche in der Hand, doch diesen trinke ich jetzt sicher nicht. Es ist ohnenhin schwer genug bei dem Schnee Balance beim Radeln zu halten. Da meint er, wenn ich ihn schon nicht trinke, solle ich ihn wenigstens zum Einreiben verwenden. Ist ja unter den Russen ein bewährtes Hausmittel gegen abgefrorene Gliedmassen.
Auch ein paar Strassenarbeiter, die uns kurz vor der Dunkelheit aufhalten, können es einfach nicht begreifen, dass man bei der Kälte im Zelt schlafen möchte. Einer von ihnen ist schon ziemlich mit Schnaps abgefüllt und kann sich kaum auf den Beinen halten. Ich kann ihn kaum mehr verstehen - er faselt immer etwas von “Jolki Palki”, was wohl soviel heissen sollte wie “Ja bist du deppat”. Am nächsten Morgen treffen wir den Arbeiter wieder. Er macht für mich einen unbegreiflich nüchternen Eindruck, holt aber schon wieder eine Vodkaflasche aus der Manteltasche und möchte mit uns gleich mal einen Heben, doch wir verneinen. “Macht nichts” , meint er , “ich trink auf euch” und leert mit einem kräftigen Schluck einen vollen Becher. Anschliessend erklärt er, nur zu trinken, weil er Arbeiten muss - um die Kälte besser aushalten zu können.
Die Kälte und der Schneefall machen auch uns in den nächsten Tagen zu schaffen: unser tiefgefrorenes Zelt gleicht einer Eishöhle, auch die Schlafsäcke sind steifgefroren (aber erstaunlicherweise immer noch warm). Um zu unseren Zeltplätzen zu gelangen, müssen wir uns jedes Mal einen Weg schaufeln, was wir aber als angenehme Arbeit befinden, weil man danach immer schön aufgewärmt ist. Speziell unsere Finger und Zehen sind ja beim Radeln schwer warm zu kriegen. Auch Dinge wie der Fotoapparat funktionieren nicht mehr so wie sie sollen, und der Benzinverbrauch vom Kocher ist wegen dem Schneeschmelzen (für Trinkwasser) enorm.
Das Thermometer zeigt nun Minus 20 Grad, wir sind schon neugierig, wie es dann bei Minus 40 Grad sein wird. Eines steht jedenfalls fest: weisse Weihnachten sind uns sicher!

Hallo, ihr beiden!!!
Kommentar von Martin — 29.11.2005 @ 14:54Allein schon beim Lesen des Beitrags wird einem saukalt, wir wünschen euch weiter viel Glück und Ehrgeiz auf eurer schneereichen Tour!!!
Wenn euch die Finger nicht einfrieren, schreibts doch mal. Liebe Grüße, Martin, Michi u. Lisa
Hallo Birgit und Martin!
Kommentar von Edith Blümelhuber — 7.12.2005 @ 15:43Ich hoffe es geht euch so weit gut. Mir wurde auch ganz kalt beim lesen eures Artikels. Hoffentlich erreicht ihr bald euer Ziel ohne erfrierungen.
Viel glück noch und radelt fleissig weiter
Servus di wadeln von mir
Lg Edith dein Lehrling