Die Strasse, auf der wir uns nun befinden, ist eine der verkehrsreichsten bis jetzt. Es sind zwar nur noch 150 Kilometer bis Samara, aber eben 150 gefährliche, laute, luftverpestete. Deswegen suchen wir in unserem Atlas nach Alternativen.
Und da ist auch eine sogar viel kürzere Variante. Was sich gut trifft, denn wir benötigen dringend eine Bank, denn wir haben keine Rubel mehr und auch die Lebensmittelvorräte sind stark geschrumpft. Die Strecke führt sogar durch Nationalparkgebiet: Samarskaya Luka, in unserem Reiseführer als recht sehenwert beschrieben. Und die Strasse ist nicht als fette, rote Linie, sondern als feine, gelbe eingezeichnet. Verspricht also verkehrsarm zu werden - genau das Richtige für uns!
Somit verlassen wir die laute Hauptroute und radeln dem Nationalpark entgegen. So gefällt uns das: nun hören wir wieder das Surren der Reifen auf dem Asphalt.
Doch nicht lange, denn bald wird aus dem Asphalt: eine Erdstrasse. Ist ganz gut zu befahren, weil sie recht festgefahren ist. Während Martin und ich noch darüber diskutieren, ob wir Schotter den Erdstrassen vorziehen, erübrigt sich die Diskussion, denn die Strasse ist nun nur noch ein Wiesenweg.
Recht lustig zu befahren, es geht eine ganze Weile bergab, die Wiese wird immer höher, reicht uns bald bis zur Hüfte und lässt trotz unserer schwerbepackten “Lastenesel” so etwas wie Mountainbikefeeling aufkommen. Der Gegenanstieg, der natürlich auf so eine schöne Abfahrt folgen muss, lässt jedes Hochgefühl sofort wieder schwinden, denn er ist so steil, dass wir die Räder zu zweit hinaufschieben müssen. Und nun bekommen wir auch die Moskitoschwärme zu spüren, die natürlich die wohl seltene Gelegenheit in dieser menschenverlassenen Gegegend nutzen und sich sogleich blutrünstig auf uns stürzen.
Für uns heissts also rein ins Regengewand - der einzige gute Schutz um ein paar Tröpfchen Blut behalten zu können
und das, obwohl der Schweiss ohnehin in Strömen rinnt.
Doch die schönen einsamen Blumenwiesen und Wälder ringsum entschädigen für die Strapazen und gut gelaunt radeln wir noch bis zum Sonnenuntergang. Unser Lager brauchen wir heute nicht versteckt aufzubauen, es wird mit Sicherheit niemand mehr vorbeikommen.
Und trotzdem hören wir kurz darauf ein Rascheln in den Büschen. Rascheln ist eigentlich untertrieben - es hört sich an, als würde jemand den halben Wald zerlegen. Um einen Menschen kann es sich wohl nicht handeln, es muss etwas grösseres, kräftigeres sein, was uns gleich darauf das laute Schnauben bestätigt.
Während ich in Deckung gehe, inspiziert Martin schon die umliegenden Bäume als Fluchtmöglichkeiten. Doch nach einer Weile können wir das Tier nicht mehr hören und setzen unsere Mahlzeit fort.
Keine Ahnung, was es war - wir tippen auf einen Bären, aber ob die wohl so schnauben? Ich hätte doch in der Schule in Biologie besser aufpassen sollen, dann wüsste ich jetzt wenigstens, was Bären denn fressen, denk ich noch so beim Einschlafen.
Um ein Uhr früh schrecke ich auf - Sch*****! - es hat zu regnen begonnen und zwar heftig. Wenigstens hält der Baum das meiste noch ab, während wir hastig das Zelt aufbauen und so schaffen wir es, dass alles halbwegs trocken bleibt. Doch wenn es länger so schüttet, werden wir morgen gleich sehen, ob mein Einwand bei der Diskussion heute stimmte - nämlich dass eine Erdstrasse bei Regen mit unseren Rädern unbefahrbar ist.
Und es schüttet die ganze Nacht und auch gleich noch den ganzen Vormittag. Der erste Regen seit circa einem Monat und das ausgerechnet jetzt! Gegen Mittag fahren wir weiter, schliesslich haben wir ja wie schon erwähnt fast nichts mehr zu Essen, sonst hätten wir einfach besseres Wetter abwarten können. Aber egal, das Regengewand haben wir ohnenhin wegen den Moskitos an, somit hat es gleich doppelten Nutzen und die Erdwege sind weiterhin so von langen Grashalmen überwuchert, dass wir ein kurzes Stück ganz gut weiterkommen.
Bald wirds aber wieder anstrengend. Querliegende Baumstämme, sumpfige Abschnitte und tiefe Spurrinnen - bei denen wir achtgeben müssen, dass wir nicht mit den Packtaschen aufsetzen - machen ein Weiterfahren unmöglich, so heisst es ab jetzt schieben.
Die Wiese wird immer höher - einige Pflanzen überragen schon Martin, der vor mir geht und er ist 184 cm gross. Zweifel kommen auf, ob wir überhaupt richtig sind, aber man hat uns ja gesagt, immer der Gasleitung entlang. Zumindest haben wir das mit unseren schlechten Russischkenntnissen so verstanden.
Doch Umdrehen wollen wir nun auf keinen Fall mehr, so stapfen wir weiter durch dichten Wald, begleitet von unendlich vielen Moskitoschwärmen. Und da sich nun die Sonne zeigt, ist es richtig feuchtschwül, der Schweiss rinnt wieder mal in Strömen.
Ein paar Stunden später die Erleichterung: wir sind an einer schönen, recht neu aussehenden Erdstrasse angelangt, die - so sehen wir anhand von Reifenspuren - wohl öfters befahren wird. Somit sind wir wahrscheinlich richtig und haben uns nach der Anstrengung eine kurze Essenspause verdient. In der Ferne hören wir zwar schon wieder Donnergrollen, aber bei uns ist schönster Sonnenschein. Während wir gerade die vorletzte Mahlzeit aus unserem Vorrat genüsslich vertilgen, setzt starker Wind ein. Sofort sind dunkle Wolken hier, und in der Ferne vernehmen wir ein Prasseln wie von einem Lagerfeuer.
Doch es ist kein Feuer sondern strömender Regen, der Sekunden später auf uns niederhämmert. Obwohl wir sofort aufspringen und zusammenpacken, wird alles nass. Und die schöne Erdstrasse verwandelt sich binnen weniger Minuten in einen kleinen Fluss. Normalerweise würden wir nun sogleich das Zelt aufbauen, doch wer weiss, wie lang der Regen anhält? Vielleicht ist er ja nur von kurzer Dauer und die Strasse trocknet so schnell wie heute Vormittag, doch mittlerweile ist alles grau und wolkenverhangen und es sieht nicht nach schneller Wetterbesserung aus - und wir haben ja nur noch eine Mahlzeit und ein Stück vom Regen aufgeweichtes Brot.
Somit beschliessen wir weiterzufahren. Leider ist unser Entschluss schwer durchfürbar, denn die Strasse ist so schmierig und rutschig, dass selbst das Gehen ohne Rad nicht einfach ist. Lehmbrocken haften sich an unsere Sohlen, aber noch viel schlimmer, auch an unsere Reifen, die dadurch sofort blockieren und auch ein Schieben unmöglich machen.
Somit kämpfen wir uns ein paar Meter vorwärts, putzen dann den klebrigen Lehm von den Rädern, schieben wieder ein paar Meter, putzen wieder, … Es scheint fast aussichtslos!
Wir haben keine Ahnung, wie weit es noch ist, aber 15 Kilometer sind es sicher noch, und jeder Meter ist wirklich kräfteraubend. Oft versinken die schweren Fahrräder so tief im Schlamm, dass wir sie nur zu zweit mit Müh und Not von der Stelle bekommen. Wiesenstreifen gibt es fast keine, somit ist es schwierig mit unseren Füssen - die knöcheltief im Schlamm versinken - Halt zu finden, und einige Stürze lassen sich nicht vermeiden.
Bis zum Abend schaffen wir - völlig erschöpft und durchnässt vom immer noch anhaltenden Regen - 2 Kilometer.
Keine gute Bilanz, wenn ich so an unsere Lebensmittelvorräte denke, aber eigentlich ist mir das jetzt egal, ich will nur noch schlafen.
Am nächsten Morgen ist die Situation nicht besser - gut, dass wir schon gestern losgegangen sind! Nach dem letzten Stück aufgeweichten Brot kämpfen wir uns weiter. Immer wenn ich gerade mit dem Gedanken spiele, dass Rad einfach liegen zu lassen, und zu holen, wenn das Wetter besser ist und die Strasse wieder befahrbar sind, kommt aber ein Wiesenstreifen oder ein Stück Wald, dass nicht ganz so dicht ist und somit geeignet ist zum Durchschieben, was mich dann wieder motiviert.
Im Wald entdecken wir überigens ein riesiges, breites Skelett. Vielleicht wirklich von einem Bäen, der Form nach zu schliessen, der Kopf fehlt.
Wie weit wir schon gekommen sind, wissen wir nicht - der Tacho funktioniert nicht mehr, aber gegen Mittag verzehren wir dann das letzte Mahl mit dem Wissen nun wohl länger hungern zu müssen.
Doch dann am frühen Nachmittag erblicken wir in der Ferne die Volga und Häuser. Die Wiesenstücke werden länger und wir finden sogar etwas zu Essen - süsse, leckere Erdbeeren. Am frühen Abend erreichen wir zerschunden, zerstochen, und voller Schlamm das Dorf, und wir sind sogar im Richtigen angelangt.
Wie wir ohne einen Rubel in der Tasche und ohne einer Bank in dem Dorf mit der Fähre auf die andere Seite der Volga kommen sollen (es gibt keine Brücke), ist nach dieser Prüfung eine relativ leicht zu lösende Aufgabe.
Samara geniessen wir jetzt wohl umso mehr: leckeres Essen, schöne Sandstrände an der Volga, ein schönes Stadtzentrum und sonniges Wetter - was will man mehr!
Einzig die Schäden an den Rädern machen uns noch Sorgen: eingerissene Felgen und kaputte Speichen, zerfressene Lager, aufgerissene Sättel,… Aber bis auf das Felgenproblem können wir die Schäden halbwegs beheben und auch für die Felgen werden wir sicher noch eine Lösung finden.

:roll:Also eigentlich sollten ja Euch die Räder tragen und nicht umgekehrt; hab ich da was mißverstanden? Ich hätte schon längst kein Rad mehr!!!!
Kommentar von Edith — 3.7.2005 @ 11:06Noch dazu wenn schlechtes Wetter ist und ich Hunger habe; das wären ja meine Höhepunkte; zum Heulen:cry:!!!!!!!!!!!!
Edith
:shock:Unglaublich, es muss ein unglaublicher Tschoch gewesen sein. Es muss ein jämmerliches Gefühl zu sein nur so langsam weiterzukommen, hungrig und komplett verdreckt.
Das sind aber anscheinend die Erlebnisse, die so eine Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis machen!!!:mrgreen:
Kommentar von Jörg — 25.7.2005 @ 12:20